Am seidenen Faden

Im September haben die Spinnen Hochsaison. Alles, was acht Beine hat, ist unterwegs. Überall wird gesponnen und gebaut, der Nachwuchs umsorgt und am langen Faden weit in die Welt hinaus geschickt. Spinnen umgeben uns das ganze Jahr, aber der Spätsommer ist ganz offensichtlich die Jahreszeit, in der sie uns am meisten auffallen. Es gäbe keinen Altweibersommer ohne die vielen Fäden, welche die Menschen früher an das gesponnene Garn alter Frauen erinnerte.

 

Kaum ein Schritt am frühen Morgen vor die Haustür, ohne das wir uns in einem Faden oder gar einen ganzen Netz verfangen, welches am Abend zuvor noch nicht dort war. Kleine Spinnen, so groß wie der Kopf einer Stecknadel, segeln da im Freien an ihrem Fadenfloß an uns vorbei. Um diese Jahreszeit sind es meist kleine Kreuzspinnen, die jetzt in großer Zahl schlüpfen. Mit dem kleinsten Lufthauch lassen sie sich an langen seidenen Fäden durch die Sommerluft einem ungewissen Schicksal entgegen treiben. Die meisten werden den nächsten Sommer nicht erleben, sondern vorher der Kälte, der Nässe oder Vögeln zum Opfer fallen.

Eichblatt-Radnetzspinne. © K. Kiuntke, NABU
Eichblatt-Radnetzspinne. © K. Kiuntke, NABU

Spinnen umgeben uns in einer fast unglaublich großen Zahl. Auf nur einem Quadratmeter Wiese finden wir etwa 130 Exemplare von ihnen, das sind auf einem Hektar 1,3 Millionen Stück. Dort fangen sie über das Jahr an die 47 000 Kilogramm Insekten. Viele von ihnen sind auch ausgewachsen nur winzig. Es gibt kaum einen Lebensraum, der nicht von ihnen besiedelt wird. Dazu gehören natürlich auch unsere Häuser und Wohnungen, wo sie von Fliegen, Mücken und anderen Insekten leben.

 

130 pro Quadratmeter
Spinnen umgeben uns in einer fast unglaublich großen Zahl. Auf nur einem Quadratmeter Wiese finden wir etwa 130 Exemplare von ihnen, das sind auf einem Hektar 1,3 Millionen Stück. Dort fangen sie über das Jahr an die 47 000 Kilogramm Insekten. Viele von ihnen sind auch ausgewachsen nur winzig. Es gibt es kaum einen Lebensraum, der nicht von ihnen besiedelt wird. Dazu gehören natürlich auch unsere Häuser und Wohnungen, wo sie von Fliegen, Mücken und anderen Insekten leben.


Nun wird kaum jemand, auch der beste Spinnenkenner nicht, die 1000 verschiedenen Spinnenarten die es allein in Mitteleuropa gibt, ohne Hilfsmittel erkennen. Auf der anderen Seite ist es aber auch nicht allzu schwierig, eine ganze Reihe von ihnen wiederzuerkennen und zu benennen. Während der Fachmann manches mal schon am besonderen Gang zu erkennen vermag, wer dort auf seinen acht Beinen forteilt, kann sich der Unerfahrene vielfach an der Form des Netzes orientieren.

 

An dieser Stelle einen Kurs zum Bestimmen von Spinnen geben zu wollen wäre sicher zuviel versucht. Dazu ist ein gutes Buch über Spinnen und eine Bestimmungshilfe nötig. Einige Beispiele können jedoch vielleicht helfen den Blick für die vielen Eigenarten von Spinnennetzen und ihren Bewohnern zu schärfen.

 

Und so baut die Spinne ihr verhängnisvolles Netz:

Das erste Problem bei der Beobachtung von Spinnennetzen ist natürlich, dass sie nicht so leicht zu sehen sind. Für die Spinne ist das auch gut so, damit viel Beute ins Netz kommt und sie selbst nicht zur Beute werden, für den Beobachter ist es eher von Nachteil. Morgens allerdings, wenn um diese Jahreszeit die Netze von Tau und Nebel noch feucht sind, können wir die filigranen Strukturen und Unterschiede klar erkennen. Jenen, die nicht im Morgentau unterwegs sind, hilft nur der Trick mit der Sprühflasche für Zimmerpflanzen.


Auf feinen Sprühnebel eingestellt läßt sich so jedes Netz so sichtbar machen, als wäre es vom Nebel bedeckt. Probieren Sie den Trick einmal auf einer Wiese mit hohen Gräsern, zwischen den Zweigen von Büschen oder auch auf Boden, der nicht ständig bearbeitet wird. Eine Überraschung ist sicher. Überall sind plötzlich die unterschiedlichsten Netze zu erkennen.

Spinnennetz im Morgentau. © R. Juergens, NABU
Spinnennetz im Morgentau. © R. Juergens, NABU


Netze: Formenvielfalt im Morgennebel

Wenn ein Kind das Netz einer Spinne malen soll, wird daraus sofort das Radnetz der Kreuzspinne, wie es zu dieser Jahreszeit überall zu sehen ist. Diese Radnetze gibt es mit offenen oder geschlossenen Narben in Mitte, manchmal fehlt ein Fächer im Netz und es geht nur ein Signalfaden zum Versteck der Spinne oder es fehlt fast das gesamte Rad und nur ein Segment daraus ist zu erkennen. Unvollständige Radnetze sind nicht etwa kaputt, sondern geben mit ihrer typischen Bauweise Hinweise auf die Bewohner.

 

Im Radnetz der markanten Wespenspinne, die sich in den letzten Jahren von Osten her ausbreitet, sind typische Filamente im Zickzack-Muster eingebaut. Radnetze sind aber nicht alles, was wir zu sehen bekommen. Üblich sind auch flächige Netze, die wie ein Baldachin anmuten oder zeltförmige Gespinste, mit zusammengesponnenen Blüten von Gräsern, die als Kinderstube dienen. Wer die Spinne selbst hervorlocken möchte, kann probieren sehr vorsichtig mit einem Halm das Netz wie beim Flügelschlag eines Insekts in Schwingung zu bringen. Oft kommt die Besitzerin des Netzes hervor und schaut was ihr da ins Netz gegangen ist. Vielleicht gehen Sie den Spinnen ja auch selbst ein wenig ins Netz, jetzt wo die zarte Vielfalt ihrer Netze im Morgentau jeden Betrachter verzaubert.

 

Text: Rolf Thormann